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zum zeitaufwand in der feministische diskursbildung

die gegenwärtigen diskussionen in der feministischen und antirassistischen twitter-/facebook-/blogosphäre auch nur halbwegs umfassend zu verfolgen, hat mittlerweile einen zeitlichen umfang erreicht, der mit einem vollzeitjob vergleichbar ist. während ich mir unter der dusche gerade überlegte, einmal zu formulieren, dass ich diese zeit bald noch weniger haben werde als jetzt schon, sorgt schon der nächste undifferenzierte anti-critical-whiteness-artikel wieder für gesprächsstoff.

seit einer weile verbringe ich neben dem programmieren lernen den großteil meiner wenigen freien zeit damit, diese debatten zu verfolgen, aufzusaugen und daraus zu lernen. um mir eine meinung zu bilden, die sich jedoch immer mehr vernebelt. seit 20 jahren beschäftige ich mich mal mehr, mal weniger intensiv mit rassismus, seit 5 jahren auch mit critical whiteness, doch nie fühlte ich mich darin so verloren und sprachlos wie zuletzt. das ist m.e. auch ein gutes zeichen, dass da wirklich was in meinem kopf passiert und ich tatsächlich auch meine eigenen privilegien reflektiere.

es ist etwas komplett anderes, in der uni zu lernen, dass es in den 80er/90er jahren kritik von u.a. women of color und lesben am feminismus gab, die dann vermeintlich aufgenommen wurde, als quasi live mitzuerleben, wie solche kritiken geäußert werden und welche reflexe sie auslösen. ich finde es auf der einen seite sehr spannend, mitzulesen, wie sich nun mittels einer komplett anders gelagerten art der kommunikation, nämlich in permanent laufender echtzeit und in einem raum, in dem die anwesenheit der sprechenden nicht physisch begrenzt ist (statt wie „damals“ in gruppen, mit flugblättern, in veranstaltungen und an küchentischen), feministische diskurse formieren und eine gewisse präsenz erobern. andererseits tut es mir sehr weh, mitzubekommen, wie viele beteiligte darunter leiden, wie ignorant andere sich zeigen, wenn rassismus thematisiert wird. und mir schmerzt es auch, spaltungen zu beobachten (auch wenn diese trennungen oft nötig sind).

mir fehlen manchmal vermitteltende stimmen, aber ich merke, dass ich diesen part nicht leisten kann. zu vermint ist das gelände, zu verworren meine eigenen gedanken, zu privilegiert vielleicht auch meine position. aber vor allem: zu knapp meine zeit. allein diesen kurzen beitrag zu schreiben, wäre eigentlich grad nicht drin, aber noch kann ich mir mal zwei stündchen freischaufeln. in zwei wochen wird das nicht mehr gehen: wenn ich mich in ein festes arbeitsverhältnis begebe, das zunächst mindestens 150% aufmerksamkeit verlangen wird, dann wird für mich erst mal schluss mit dem umfassenden verfolgen feministischer online-diskussionen sein.

da ich in den letzten jahren eh nicht viel dazu geschrieben, sondern vor allem gelesen habe, wird das für die feministische öffentlichkeit kein verlust sein. aber mir wird immer mehr bewusst, dass dieser neue diskussionsraum „internet“ zwar erstmal wesentlich inklusiver ist als das feministische kämmerlein, aber dass eben allein diese massive textpräsenz zu konfliktbeladenen themen (und damit meine ich jetzt nicht nur die critical-whiteness-debatte) einen zeitaufwand erfordert, den nur ein kleiner personenkreis überhaupt aufbringen kann.

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