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über fotos von menschen in bussen

breitbeinig

breitmachmacker

gerade schwappt mir das breitmachmacker-tumblr in die timeline: ein neues fotoblogprojekt über leute, vor allem männer*, die in bussen und bahnen rücksichtslos raum einnehmen. finde ich eine spannende idee, um kritik an sexistischen alltagshandlungen visuell zu thematisieren.

sofort kommt mir aber die assoziation an ein ganz anderes tumblr-blog in den sinn, das feminist_innen in argentinien seit monaten zu bekämpfen versuchen: „chicas bondi“ (bondi ist umgangssprachlich für linienbus in buenos aires). die seite, auf der regelmäßig und anonym fotos von attraktiven* frauen* gepostet werden, ist so erfolgreich, dass sie inzwischen wohl offenbar kurz vor dem umzug auf die eigene domain steht.

chicas bondi facebook

chicas bondi auf facebook

unter dem claim „ohne pose und ohne erlaubnis“ und unter angabe der buslinie wurden dort schon hunderte von frauen zu unfreiwilligen models, die fotos kursieren dann im netz, werden ausführlich kommentiert und tauchen bisweilen gar auf pornoseiten auf. während der onlinekampf gegen die seite bisher leider eher erfolglos geblieben ist, wird jetzt immerhin strafrechtlich wegen der verletzung von persönlichkeitsrechten gegen „chicas bondi“ ermittelt.

die beiden tumblelogs zeigen, wie unterschiedlich die wirkung einer erstmal ähnlichen handlung doch sein kann: leute nehmen ohne erlaubnis fotos von ihren mitfahrenden im öffentlichen nahverkehr auf und posten diese im netz. allerdings ist es hier nicht nur die frage, ob das gesicht zu sehen ist oder nicht, die den unterschied ausmacht: während „breitmachmacker“ als verteidigungsstrategie von im wörtlichen sinne marginalisierten körpern interpretiert werden kann, dient „chicas bondi“ der perpetuierung des objektstatus von als weiblich gelesenen menschen.

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#609060 oder: was heißt hier eigentlich „normal“?

seit ein paar wochen kursiert auf twitter und instagram das meme von #609060, bei dem es darum geht, fotografisch festzuhalten und kommentieren zu lassen, „was normale menschen so anziehen“. so nachvollziehbar ich den wunsch auch finde, den eigenen körper als „normal“ zu definieren und sich diese definition von den eigenen peers bestätigen zu lassen, so genervt ich selbst von dem extremen magerwahn und der photoshoppisierung der bilderwelt bin, so deutlich ist aber auch mein unbehagen, was mit den betrachten dieser fotos und der immer wieder wiederholten phrase von den „normalen menschen in oberbekleidung“ einhergeht. wer bestimmt denn eigentlich, was „normal“ ist? klar, es kann mitmachen, wer möchte, und es machen auch einzelne menschen mit, die sich selbst nicht als person mit “normalem körper” durchgehen sehen – aber indem hier die ausnahme bereits als abweichend benannt wird, wird das bild von dem „normalkörper“ doch nur wieder bestätigt.

puppe im spiegel

klar könnte ich mich da auch einreihen, kaufe ich meine klamotten doch inzwischen auch eher in 42 als in 36. aber allein die tatsache, dass ich meine größe noch in jedem klamottengeschäft vorfinde, sogar ohne in die plus-size-abteilung gehen zu müssen, zeigt doch, dass mein körper „normal“ ist, also den normierungen bspw. der textilindustrie entspricht. ich kann das bedürfnis verstehen, den omnipräsenten bildern der werbung etwas entgegen setzen zu wollen, aber was ist damit gewonnen, durch das zeigen von körpern, die zwar nicht als model durchgehen würden, aber dennoch fast durchgängig mit thin privilege ausgestattet sind, eine vielleicht etwas breitere form von „normalität“ festzuschreiben? gleichzeitig werden körper, die nicht weiß sind, die nicht mit den gängigen geschlechter- und sonstigen körpernormen (ableism!) übereinstimmen, unsichtbar. „es kommt drauf an wer sich alles beteiligt“, entgegnete mit twitter-user cryl auf meine bedenken bzgl. der normierung in #609060. ja, aber wer beteiligt sich denn? und ist das ein zufall? oder kann es vielleicht sein, dass menschen, die ihr leben lang vermittelt bekommen, dass ihr körper nicht „normal“ ist, es vielleicht nicht so leicht haben, ihren körper einfach mal selbst als „normal“ zu setzen, online zu stellen und sich damit auch den blicken und potentiellen kommentaren auszusetzen, die sie bereits auf der straße permanent als „anders“ markieren?