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Care Revolution & Women in Tech



Am vergangenen Wochenende war ich auf der Aktionskonferenz Care Revolution in Berlin (siehe dazu allgemein auch #carevolution). Es war ein sehr anregender Ausflug und obwohl ich als in der freien Wirtschaft beschäftigte Person dort eher eine Ausnahme war, hatte ich das Gefühl, dort richtig zu sein, denn die Care Revolution kommt m.E. nicht weiter, wenn sie in im Milieu sozialer Arbeit und Wissenschaft verbleibt. So war mein Anliegen darin insbesondere zu schauen, was ich aus der Beschäftigung mit Care in meine eigenen Aktivitäten mitnehmen kann. Die Fragen und Gedanken, die sich mir dort und im Anschluss ergeben haben, sind zwar etwas abgeschweift, teilweise noch unausgegoren und absolut unvollständig, aber dennoch möchte ich sie hiermit in die eher technik-lastigen (Frauen-)Netzwerke, in denen ich mich in letzter Zeit häufiger bewege, tragen.

Lean in und care out?

Ich sehe dabei verschiedene Linien, auf denen Care und Women in Tech sich kreuzen, von denen ich jetzt nur auf einen Teil genauer eingehen kann. Empirisch zu untersuchen wären z.B. die Fragen, wer arbeitet in der IT Teilzeit, wer Vollzeit, und wer macht die Hausarbeit? Kann eine Arbeit im IT-Bereich Frauen in heterosexuellen Familien eher zu Hauptverdienenerinnen machen bzw. alleinerziehende Frauen eine Familie ernähren lassen? Reicht vielleicht auch ein Teilzeitgehalt, um der gleichmäßigen Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit sowie persönlicher Entwicklung bzw. Muße und Politik gerecht zu werden, also der individuellen Realisierung der Vier-in-Einem-Perspektive etwas näher zu kommen? Das ist, sobald frau nicht allein wohnt, natürlich untrennbar mit der Frage verwoben, wie die Hausarbeit in den Haushalten verteilt oder an oft schlecht bezahlte migrierte Hausarbeiterinnen ausgelagert wird.

Pappschild mit der Aufschrift "Kochen, Putzen, Lohnarbeit - und für mich bleibt keine Zeit"

Guys code, girls care

Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung findet aber nicht nur zwischen Erwerbsarbeit und Haushalt, sondern auch im Büro selbst statt. Im typischen Startup ist die einzige beschäfigte Frau wahlweise „Office“, „Team“ oder gar „Feelgood Manager“ (was natürlich wenig mit demjenigen Mangagement zu tun hat, um das z.B. bei den Quoten geht) und dafür zuständig, sich um alles zu sorgen, was im Büro-Alltag so anfällt – vom Kaffeekochen bis zur Organisation der Weihnachtsfeier. In größeren Unternehmen sind „HR“ (Personalkram aka „Human Ressources“) und alles, was mit Kommunikation zu tun hat, meist ebenfalls Frauendomänen. Ein Argument für mehr Frauen in der Software-Entwicklung ist ja auch gerne, dass diese gut fürs Teambuilding sein, quasi allein durch ihr „weibliches Wesen“ die Produktivität steigern etc. Diese Art von affektiver Arbeit ist untrennbar mit der Herstellung von Geschlecht verwoben, es wird von Frauen quasi erwartet, dass sie sich „weiblich“ verhalten (so wie Yeli Tong in ihrem Lightning Talk im Rahmen eines vor kurzem stattgefundenen Hamburg Geekettes-Event mit dem prägnanten Titel „Think like a man, behave like a lady“ genau dieses Einsetzen vermeintlich weiblicher Eigenschaften als Strategie für Frauen in der IT-Branche empfahl).

Who’s networks are we talking about?

Welche Frauen sind überhaupt in den Tech Jobs und in den Netzwerken vertreten? Die meisten sind relativ jung, weiß, gut ausgebildet. Wenige haben Kinder. Mir sind auf der Konferenz einige Mechanismen noch mal deutlicher geworden, wie hier Ausschlüsse funktionieren, als von unterschiedlichen Positionen berichtet wurde, wie weniger privilegierten Frauen ohne Arbeit schlecht bezahlte Pflege- oder Putztätigkeiten staatlicherseits als einzige Arbeitsmöglichkeit dargestellt werden: Zunächst berichtete dies am Freitagabend eine Vertreterin der Flüchtlingsfrauen-Initiative von Women in Exile. Wenn geflüchtete Frauen überhaupt in Deutschland arbeiten dürfen, dann kommt offenbar ausschließlich schlecht bezahlte Care-Arbeit in Frage, ganz egal, welche Qualifikationen die Frauen mitbringen. So wurde beispielsweise einer studierten Sozialarbeiterin nahegelegt, eine Umschulung zur Pflegehelferin zu machen. Später (in dem Workshop „Care hat ein Geschlecht“ am Samstag) erzählte eine Mitarbeiterin eines autonomen Frauenhauses, dass Frauen, die eine geschütze Adresse beim Arbeitsamt angeben, mit diesem „Frauenhaus-Stempel“ grundsätzlich auch nur Putz- und Pflegehilfestellen angeboten bekommen.

Einen Fachkräftemangel gibt es aber derzeit sowohl im Bereich der Pflege- und Sorgearbeit als auch im Bereich der weniger Krisen-geplagten Software-Entwicklung. Die unterschiedliche Verteilung dieser Arbeit nach Geschlecht ist zwischen diesen beiden Branchen deutlich sichtbar, und die gilt es aus feministischer Perspektive zu durchbrechen. Also habe ich mich nun gefragt, wie man es schaffen könnte, beispielsweise diesen Frauen, die ohne es zu wollen in den schlecht bezahlten Care-Bereich gedrängt werden, einen Zugang zu Programmierung aufzuzeigen. Wir verbreiten ja gerne die These, dass Programmierenlernen allen offen stehe, die nur genügend motiviert seien. Je länger ich allerdings darüber nachdachte, desto mehr fielen mir die Hürden auf, die zum Beispiel der Teilnahme an einem Rails Girls Workshop (einem Programmier-Workshop für Frauen, den ich seit knapp zwei Jahren mitorganisiere, zu dem diesjährigen wurde gerade die Anmeldung eröffnet) im Wege stehen können.

Reflecting exclusion mechanisms

  • Voraussetzung für die Workshop-Teilnahme ist ein eigenes Laptop: Ich kann mir vorstellen, dass Frauen, die vor einem Krieg, einem Staat oder auch einem Mann geflüchtet sind, womöglich kein eigenes Notebook besitzen und auch nicht unbedingt die Netzwerke haben, um sich mal eben eines zu leihen. Dies betrifft nicht nur dne Workshop selbst, sondern auch das Weiterlernen im Anschluss.
  • Die Beteiligung von Männern als Coaches kann u.a. für Betroffene häuslicher und/oder sexueller Gewalt ein Hinderungsgrund sein.
  • Kinderbetreuung ist bisher weder bei den Rails Girls noch bei anderen Tech-Events z.B. von den Hamburg Geekettes im Angebot, und meistens finden diese Veranstaltungen außerhalb üblicher Kita-Öffnungszeiten statt. Für Alleinerziehende wird dadurch die Teilnahme sehr schwierig bis unmöglich.
  • Barrierefreiheit ist wie bei den meisten Veranstaltungen auch nicht gegeben
  • Die Werbung für die Workshops und ähnliche Events erfolgt online und zwar haupsächlich über Social Media und damit über Netzwerke. Eine gezielte Ansprache weniger privilegierter Zielgruppen wurde bisher nicht versucht.

Soweit ich das gelesen habe ist es wohl typischerweise so, dass sich zu Rails Girls Workshops weltweit vorwiegend Frauen anmelden, die entweder bereits in oder nahe der IT-Branche arbeiten, aber eben bisher nicht programmieren, oder aber mit einem Programmierer liiert sind – also durch persönliche Beobachtung bereits eine Ahnung davon haben, dass Programmieren irgendwie toll zu sein scheint. Dazu kommen noch welche, die Programmierskills gerne für wissenschaftliche oder wirtschaftliche Zwecke in ihrem ausgeübten Beruf nutzen wollen. Die Frauen, die ich bisher bei den Workshops getroffen habe, waren alle ganz tolle Persönlichkeiten, super sympathisch und ich habe mich über jede einzelne gefreut, mit der ich gesprochen habe.

Aus wirtschaftlicher Sicht macht es natürlich Sinn, diejenigen zu fördern, die bereits mit den besten Ressourcen ausgestattet sind, schließlich muss dann am wenigsten investiert werden. Ich will gar nicht bezweifeln, dass gewisse Vorasusetzungen mitgebracht werden müssen, um programmieren lernen zu können. Aber wäre es nicht noch besser, (auch) die Frauen zu erreichen, die das Empowerment und die Unterstützung am dringendsten brauchen, weil ihnen die größten Hürden in den Weg gelegt werden?

Challenges for a caring code community

Doch wie kann man es anders machen? Ideal wäre natürlich ein feministischer Hackerspace mit eigener technischer Ausstattung, Kinderspielzimmer, Einbindung in politische und technische Netzwerke und und und. Davon träumen sicherlich so einige, aber wahrscheinlich klappt das nicht von heute auf morgen. Aber vielleicht könnte man z.B. für kostenlose (Frauen-)Technik-Workshops, die mittlerweile ja sogar schon von verschiedenen Initiativen angeboten werden, auch mal Kooperationen mit Stadtteil-Medienzentren suchen, die über Rechner und Kinderbetreuungsstrukturen verfügen? Viele Fragen wären dann natürlich noch zu klären, wenn die sponsorenfinanzierte Tech-Business-Kultur auf die von ständigen Kürzungen betroffene Stadtteilarbeit trifft. Sinnvoll wäre es durchaus im Sinne einer solidarischen Ressourcenteilung, aber gleichzeitig ist da ein sehr reflektiertes Vorgehen notwendig und eine Richtungsbestimmung zwischen Sozialarbeit und beruflichem Netzwerken, die nicht in paternalistische Fallen tappt.

Gleichzeitig sollte man sich auch mal erkundigen, wie das bei den vom Arbeitsamt geförderten Weiterbildungsmaßnahmen im IT-Bereich gendermäßig aussieht. Wie kann man es erreichen, dass z.B. Webprogrammierungskurse den Frauen als Alternative zu den schlechtbezahlten Care-Hilfstätigkeiten angeboten werden? Hier wären sowohl individuelle Interventionen im Bereich sozialer Arbeit als auch solche kollektiver politischer Art denkbar.

Plakat Care Revolution Aktionskonferenz

Über eure Gedanken, Ideen, Einwände und Erfahrungen zu den angesprochenen Themen würde ich mich freuen!

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zum zeitaufwand in der feministische diskursbildung

die gegenwärtigen diskussionen in der feministischen und antirassistischen twitter-/facebook-/blogosphäre auch nur halbwegs umfassend zu verfolgen, hat mittlerweile einen zeitlichen umfang erreicht, der mit einem vollzeitjob vergleichbar ist. während ich mir unter der dusche gerade überlegte, einmal zu formulieren, dass ich diese zeit bald noch weniger haben werde als jetzt schon, sorgt schon der nächste undifferenzierte anti-critical-whiteness-artikel wieder für gesprächsstoff.

seit einer weile verbringe ich neben dem programmieren lernen den großteil meiner wenigen freien zeit damit, diese debatten zu verfolgen, aufzusaugen und daraus zu lernen. um mir eine meinung zu bilden, die sich jedoch immer mehr vernebelt. seit 20 jahren beschäftige ich mich mal mehr, mal weniger intensiv mit rassismus, seit 5 jahren auch mit critical whiteness, doch nie fühlte ich mich darin so verloren und sprachlos wie zuletzt. das ist m.e. auch ein gutes zeichen, dass da wirklich was in meinem kopf passiert und ich tatsächlich auch meine eigenen privilegien reflektiere.

es ist etwas komplett anderes, in der uni zu lernen, dass es in den 80er/90er jahren kritik von u.a. women of color und lesben am feminismus gab, die dann vermeintlich aufgenommen wurde, als quasi live mitzuerleben, wie solche kritiken geäußert werden und welche reflexe sie auslösen. ich finde es auf der einen seite sehr spannend, mitzulesen, wie sich nun mittels einer komplett anders gelagerten art der kommunikation, nämlich in permanent laufender echtzeit und in einem raum, in dem die anwesenheit der sprechenden nicht physisch begrenzt ist (statt wie „damals“ in gruppen, mit flugblättern, in veranstaltungen und an küchentischen), feministische diskurse formieren und eine gewisse präsenz erobern. andererseits tut es mir sehr weh, mitzubekommen, wie viele beteiligte darunter leiden, wie ignorant andere sich zeigen, wenn rassismus thematisiert wird. und mir schmerzt es auch, spaltungen zu beobachten (auch wenn diese trennungen oft nötig sind).

mir fehlen manchmal vermitteltende stimmen, aber ich merke, dass ich diesen part nicht leisten kann. zu vermint ist das gelände, zu verworren meine eigenen gedanken, zu privilegiert vielleicht auch meine position. aber vor allem: zu knapp meine zeit. allein diesen kurzen beitrag zu schreiben, wäre eigentlich grad nicht drin, aber noch kann ich mir mal zwei stündchen freischaufeln. in zwei wochen wird das nicht mehr gehen: wenn ich mich in ein festes arbeitsverhältnis begebe, das zunächst mindestens 150% aufmerksamkeit verlangen wird, dann wird für mich erst mal schluss mit dem umfassenden verfolgen feministischer online-diskussionen sein.

da ich in den letzten jahren eh nicht viel dazu geschrieben, sondern vor allem gelesen habe, wird das für die feministische öffentlichkeit kein verlust sein. aber mir wird immer mehr bewusst, dass dieser neue diskussionsraum „internet“ zwar erstmal wesentlich inklusiver ist als das feministische kämmerlein, aber dass eben allein diese massive textpräsenz zu konfliktbeladenen themen (und damit meine ich jetzt nicht nur die critical-whiteness-debatte) einen zeitaufwand erfordert, den nur ein kleiner personenkreis überhaupt aufbringen kann.